Teil 3 – Eine (un)erwartete Reise

Der Wecker geht, es ist 8 Uhr am Morgen. Es ist warm, die Sonne scheint und in Kermit ist es schon recht hell, da die Vorhänge nicht vollständig dicht abschließen. Draußen hören wir die Vögel zwitschern und ein paar Schafe melden sich auch schon zu Wort. Ich spring in meine Crocks und öffne die Seitentür, um den Ausblick auf den schönen Parkplatz zu genießen, auf dem wir heute Nacht gestanden haben.

Wir hätten gerne noch etwas länger geschlafen, aber der frühe Vogel fängt ja den Wurm und den wollen wir uns heute holen. Letzteres ist natürlich eine Metapher, in Wirklichkeit wollen wir nämlich heute ans „Hobbiton Movieset“ von „Herr der Ringe“ und das auch noch möglichst als Erste.

Leider ist das nicht ganz so einfach, denn nachdem sich die Kulisse nach dem ersten „Herr der Ringe“-Teil als ziemlicher Touristenmagnet erwiesen hat, wurde die ganze Gegend nach dem Dreh des Hobbits ziemlich kommerzialisiert und man hat jetzt nur noch die Möglichkeit, mit einer geführten Tour die Gegend überhaupt zu erreichen.

Und so kommt es, dass wir uns Tickets für das erste Hobbitonspektakel des Tages besorgt haben und um morgens nicht noch eine Ewigkeit fahren zu müssen, in einem Anflug von Romantik die Nacht direkt auf den Parkplatz vor Ort verbracht haben.

Route 3

  • Wie weit?

    87km

  • Wohin?

    Waitomo Caves, Waitomo

  • Wann?

    9. Dezember 2015

Aber wir sind auch nicht allein. Um uns herum schaffen es die ersten campingerprobten Urlauber raus aus ihren Wohnwägen und an die mobilen Campingtische zum Frühstücken. Wir machen uns fertig und gehen los zum Info-Point, der ausschließlich wegen Hobbiton hier betrieben wird. Mit dem Bus und einem Trupp von ungefähr 30 Leuten plus Guide starten wir Richtung Auenland. Es geht über Schafweideflächen durch die Landschaft während ich ein paar Leute im Bus beobachte und analysiere. Es sind vergleichsweise viele Deutsche in Neuseeland unterwegs, was sich auch heute wieder zeigt.

Am Startpunkt der Tour angekommen, vermittelt uns der Guide zunächst ein paar Verhaltensregeln, die im Grunde auf ein „in der Gruppe bleiben, nicht verloren gehen“ zusammengefasst werden können. Leider steht schon nach wenigen Metern Richtung Dorf fest, dass der frühe Vogel heute leer ausgeht, denn es sind schon einige anderen Touristengruppen im Dorf unterwegs.

Am Ziel empfangen uns Hinweise, die vor Autodieben und Überfällen warnen. Eine Spitzenvorraussetzung, wenn man sich in der finsteren Nacht, bewaffnet mit 2 Stirnlampen, einem Stativ und Kamerazeug auf den Weg in den dann doch nochmal dunkleren Regenwald begibt. Ohne die Lampen sehen wir absolut gar nichts. Wir dunkeln sie trotzdem weitestgehend ab, um die Augen eventuell ein bisschen an die Dunkelheit gewöhnen zu können. Der Plan geht nur bedingt auf, denn wir sehen auch weiterhin: nichts!

Wir schlagen uns vor bis zu den Stellen an denen wir die Glowworms erwarten, immer in höchster Alarmbereitschaft, um im Zweifel einen Räuber – von denen ja bekannt ist, dass sie Nachts im Wald sitzen und warten – mit den vorhandenen Möglichkeiten abwehren zu können. Ständig knackst es vor uns, hinter uns und von allen Seiten. Würde man nur im richtigen Moment in die eine Richtung leuchten, würde man sie sehen, die Waldmenschen und wilden Tiere.

Wir kommen endlich an. Die Felswände am Rande eines reißenden Bachs sind vollgepackt mit leuchtenden Punkten, ein Sternenhimmel – nur von der Seite. Eine scheinbar endlose Romantik, wenn man nicht wüsste, dass es sich dabei um widerliche Mückenlarven handelt, die mit schmierigen Fäden nach Beute angeln (nicht vergleichbar mit den europäischen Glühwürmchen). Wir machen die Lampen jetzt komplett aus, denn die Leuchtkraft der Glowworms lässt stark nach wenn man sie blendet.

Es ist wieder stockfinster. Zwar kann ich kaum was sehen, mache aber einige Fotos vom Stativ aus, ständig begleitet von dem lauten Rauschen des Bachs, das es unmöglich macht irgendwelche anderen Geräusche wahrzunehmen. Nach kurzer Zeit sehen wir in einiger Entfernung Taschenlampen leuchten, die mit strammer Geschwindigkeit näher kommen.

Wir wollen vermeiden die ankommende Gesellschaft in einen Schock zu versetzen, indem wir in völliger Dunkelheit plötzlich vor ihnen stehen und so machen wir dezent eine Stirnlampe an während die Lichter näher kommen. Es sind zwei junge Frauen, offenbar aus dem Wald kommend und auf dem Rückweg von der Wanderung, die wir den Tag über selbst gemacht haben. Das überrascht mich etwas, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass man dort wirklich was sehen könnte (außer leuchtende Mückenlarve), aber es scheint wohl einen Grund zu geben, denn einige Zeit später folgt auch noch eine komplette Schulklasse. Deren Begleitungen leuchten ungeniert mit einem offenbar mobilen Stadionscheinwerfer den halben Wald auf einmal aus und so kommt es, dass sich nach und nach auch die Glowworms verabschieden. Wir tun das gleiche und machen uns den Rückweg, genug für heute.

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