Teil 1 – von Kreisverkehr und Schlammlöchern

Sonnenbrille und 23 Grad im Schatten. Mein Arm hängt lässig aus dem Fenster, Rockmusik aus den frühen 90ern tönt laut aus Richtung der Rückbank. Ich sitze am Steuer eines dopen Campervans und suche den nächstgelegenen Gemüse- und Konservendealer. Nach kurzer Fahrzeit ist er in Sichtweite, nur noch durch den Kreisverkehr und nach 50 Metern abfahren.

Hier muss ich linksrum reinfahren, ist so üblich in diesem Land. Kein Thema, wäre ja auch gar nicht kompliziert, wenn’s nicht auch noch mehrspurig wäre. Die dritte Ausfahrt muss ich raus. Plötzlich kommen aus allen Richtungen Autos und ich bin hart am Limit was die Übersicht angeht. Das Adrenalin steigt, der Puls geht hoch, allerhöchste Aufmerksamkeit. Ich mogle mich auf die vermeintlich korrekte Spur und bereite mich auf die baldige Ausfahrt vor.

Mit dem Scheibenwischer auf höchster Stufe wischend signalisiere ich, den Kreisverkehr nach links heraus verlassen zu wollen – Kacke. Ich habe mich enttarnt, die anderen Autofahrer gehen auf Abstand, ein weiterer Tourist im Campervan – Willkommen in Neuseeland.

Julia amüsiert sich herrlich auf ihrem Beifahrersitz. Typisch für Neuankömmlinge in Neuseeland… würde ihr natürlich nicht passieren. Genauso wie ständig an die falsche Tür zu dackeln wenn man weiter fahren will. In Neuseeland fährt man also links! Das Lenkrad hingegen ist rechts… und da das noch nicht schräg genug ist, werden auch Blinker und Scheibenwischerhebel vertauscht. Man müsste auch mit Links schalten, daher ist man gut mit einem Automatikgetriebe beraten.

Route 1

  • Wie weit?

    244km

  • Wohin?

    Whenuakite, Hot Water Beach

  • Wann?

    6. Dezember 2015

Wir schaffen es auf den Parkplatz des Supermarks „countdown“. Mit in der Gang? Campervan „Kermit“, meine Freundin Julia und ich. Wir kennen Kermit erst seit kurzem, aber er leistet seinen Beitrag… mit Betten, Kochplatz, Stauraum, Strom und anderem Zeug. Wahrscheinlich darf er Teil der Gang bleiben. Unser Plan? Neuseeland erkunden – von Auckland im Norden bis Christchurch im Süden und wir haben dafür etwas mehr als 4 Wochen Zeit. Auch hier hat Kermit klare Aufgaben: uns ein Dach über dem Kopf bieten und ohne Beschwerde die anstehenden 4000 bis 5000km Piste runter rocken.

Natürlich soll er dabei brav sein… keine platzenden Reifen oder leere Autobatterien, wie die Versagervans über die man im Internet lesen kann.

Bisher macht er aber einen durchaus soliden Eindruck. Ordentlich Power beim Anfahren und erst lächerliche 180.000km runter, quasi nichts für dieses asiatische Prachtstück.

Mit Frühstückshunger und knurrenden Mägen geht’s einkaufen. Im Wagen landen Sachen die man halt so kauft wenn man Hunger hat… Muffins, Chips, Schokolade. Aber auch Sinnvolles ist dabei: Bier, Wein und Softgetränke. Zurück am Camper stehen wir vor dem Problem, dass wir die Sachen nur schwer verstauen können. Der Camper bietet ein paar Netze, Taschen und Schränke als Stauraum. Aber so richtig viel Platz dann irgendwie doch nicht. Also schnallen wir erstmal alles irgendwie fest und machen uns auf den Weg, unsere erste Etappe zu bestreiten. Das Tagesziel ist die Coromandel Halbinsel, etwa 244 km.

Nachdem wir zur kompletten Verwirrung noch einige Zeit auf dem State Highway unterwegs waren, ist nach etwa einer Stunde Fahrt das komische Gefühl mit der Straßenseite dann aber doch verflogen… möglicherweise auch nur, weil’s dann ruhiger wurde auf der Strecke. Bald darauf machen wir noch einen kurzen Stopp bei “Pak’n’Go”, einem weiteren Supermarkt. Morgens haben wir einiges vergessen und außerdem brauchen wir noch irgendwas zum Polstern unserer Küchenausstattung, die in jeder Kurve das Klappern und Scheppern anfängt. Deutlich weniger anstrengend geht die Fahrt dann weiter und es tun sich die ersten landschaftlichen Highlights auf. Unser Weg führt uns auf einer wunderbaren Küstenstraße Richtung Norden, durch dichte Wälder aber auch viel Weideland. Zu meiner Überraschung sehen wir am ersten Tag noch kein einziges Schaf auf den zahlreichen Weiden.

Für die erste Übernachtung gönnen wir uns einen Premium Campingplatz mit Strom und richtigen Duschen beim sogenannten Hot Water Beach auf Coromandel. Dort kann man sich zur Ebbe ein Loch in den nassen Sand graben und wird dafür mit heißem, von unten aufsteigendem Wasser belohnt, in das man sich, schenkt man den Fotos der Gegend Glauben, wunderbar gemütlich rein tummeln kann. Da wir sowieso noch an den Strand gehen, um ein paar Fotos zu machen und um dem Meer Hallo zu sagen, wollen wir uns von dem Happening natürlich auch selbst einen Eindruck verschaffen.

Bei einem Eindruck bleibt es auch, denn abgesehen davon, dass ich grundsätzlich Wasser- und vor allem Sandscheu bin, werden wir Zeugen einer Ansammlung von Jung und Alt, die gemeinsam auf engstem Raum in kleinen Pfützen mit brauner, sandiger Brühe badet, während andere Beteiligte in großer Hektik versuchen ein solches Loch zu graben, welches in regelmäßigen Abständen wieder vom Meer geflutet wird. Der Sinn, in einem 20cm tiefen, warmen Schlammloch zu sitzen erschließt sich uns nicht wirklich, und so machen wir uns wieder auf den Rückweg.

Zurück am Campingplatz geht es nach kurzer Zeit ans Eingemachte: wir müssen im Camper erstmals ein Bett aufbauen sowie beziehen und haben dabei die Wahl zwischen dem Bett unterm Dach und der Ausklappcouch unten. Wir entscheiden uns für das obere, denn wenn man oben schläft, braucht man tagsüber das Bett nicht abbauen und hat abends weniger Stress! – ein Irrglaube. Nachdem wir, zum Teil noch mit Jetlag kämpfend und plötzlich unfassbar müde und nörglerisch, nach anstrengenden Minuten alles Bettzeug fertig vorbereitet haben, müssen wir unsere Biegfähigkeit und Kletterskills unter Beweis stellen als wir versuchen das Bett zu besteigen. Die Schwierigkeit ist hierbei nicht die 1,5 Höhenmeter in Klimmzugmanier zu überwinden, sondern die geringe Höhe, die dann oberhalb der Matratze noch zur Verfügung steht zu nutzen, um in die Horizontale zu gelangen.

Die Prozedur wiederholt sich noch einige Male bis nichts mehr „unten vergessen“ war. Schließlich schlafen wir völlig entkräftet ein.

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